Abstand als geistliche Tugend

Bei der Bewunderung kunstvoller Gemälde empfiehlt es sich, zwei drei Schritte zurück zu treten. Wer mit der Nase am Bild „klebt“ versäumt den Gesamteindruck; er sieht nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen. Diese Binsenwahrheit ist leicht auf franziskanische Einsiedeleien übertragbar. Diese befinden sich an abgeschiedenen Orten, und doch immer mit weitem Blick auf die Stadt. Der hl. Franziskus scheint bei der Auswahl dieser Plätze gespürt zu haben, dass der Abstand „von der Welt“ helfen kann, um gerade dadurch einen besseren Blick „auf die Welt“ zu bekommen. Ähnliches hat man vielleicht schon bei einer Bergwanderung erfahren. Der Blick gleitet ins Tal hinunter auf die klein gewordenen Häuser und Straßen, und das Empfinden eines neuen Überblicks über das eigene Leben mit seinen Freuden und Sorgen stellt sich ein.

Abstand ist auch in den Wissenschaften eine wichtige Tugend. Wer vom sich zu sehr von der erforschten Materie aufsaugen lässt, verliert leicht Objektivität und Überblick. Eine gewisse innere Distanz ist selbst in therapeutischen Berufen notwendig, bei aller Wichtigkeit des Einfühlungsvermögens, damit Menschen bei dieser Tätigkeit nicht ausbrennen. Auch ich merke nach dem Dienst im Beichtstuhl oder in der Begleitung manchmal, wie heilsam es ist alles Gehörte bei Gott abzugeben, anstatt es mir selbst aufzubürden. Sogar von Papst Johannes XXIII. wird erzählt, dass er immer vor dem Einschlafen den lieben Gott bat, dieser solle sich nun um die Kirche kümmern, da er selbst nun ruhen werde.

Abstand braucht es aber auch von sich selbst, so sonderbar das nun klingen mag. Wofür soll es gut sein, Abstand von sich selbst zu halten, und wie soll das gehen? Um das zu verstehen möchte ich hier versuchsweise die Frage stellen: „Wer bist du?“ Die meisten beginnen bei dieser Frage ihre Geschichte zu erzählen, nämlich woher sie kommen, was sie beruflich und in der Freizeit tun, welche Aufgaben, Rollen und Ämter sie vielleicht bekleiden. Diese Reaktion ist normal. Und doch müssten wir uns fragen: „Sind wir nur das was wir tun? Was ist, wenn wir das was wir tun einmal nicht mehr tun können, oder unsere Rolle nicht mehr gefragt ist? Was werden wir dann antworten auf die Frage, wer wir sind?“ Wir stoßen hier auf die Tatsache, dass unsere wirkliche, tiefste Identität etwas anderes ist als unsere Lebensgeschichte, etwas anderes als die Summe unserer Taten, Leistungen und Misserfolge. Schon lange vor alldem, und unabhängig davon bin ich schon „jemand“. Dieser „Jemand“ ist christlich gesehen unsere Identität als Sohn oder Tochter Gottes. Das sind und bleiben wir, sollte auch alles andere einmal wegbrechen. Abstand von sich selbst zu halten bedeutet, immer wieder aus dem was wir tun, oder vielleicht nicht (mehr) tun können herauszutreten, und bewusst in diese befreiende christliche Identität einzusteigen. Eine gute Art des Betens wird uns dabei helfen. Gerade durch den Abstand von dem was wir meinen zu sein, können wir dem nahe kommen, was wir wirklich sind. So wird der Friede im Herzen wachsen.      

Franziskanische Schauplätze

Exerzitien bringen uns in Berührung, auch in dieser Zeit der Distanz: Berührung mit dem Geheimnis Gottes, der in Jesus alle Wege mit uns geht. Berührung mit uns selbst und der Würde, mit der wir begnadet sind. Berührung mit anderen Menschen und ihren Fragen. Diese Exerzitien finden Online statt. Per E-Mail wird den Teilnehmenden ein „Link“ zugeschickt. Es genügt dann ein „Klick“, und schon können wir uns gegenseitig hören und sehen.

Wir werden zu „Schauplätzen“ – im doppelten Sinn des Wortes – aus dem Leben des hl. Franziskus pilgern, nicht wirklich sondern virtuell. Was wollen wir dort „schauen“? Jeder Ort hat ein Thema. Wir hoffen, dort zentrale Inhalte des christlichen Glaubens neu zu sehen, und diese mit der Wirklichkeit unseres Lebens in Verbindung zu bringen.

Anmeldung bitte per E-Mail bei:

alexander.puchberger@franziskaner.at

stefan.kitzmueller@franziskaner.at

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