Zwei missionarische Wege

FotoFranziskus und Klara waren Baumeister einer Spiritualität, die vom Hören des Wortes Gottes und vom unmittelbaren Gehorsam diesem Wort gegenüber ausgeht. Sie ließen sich von diesem Wort überraschen, entwaffnen und destabilisieren, um immer neue Wege zu unternehmen, ohne zu wissen wie Abraham, wohin sie führen. Von ihm ließen sie sich auch anziehen und prägen, um seinem Anspruch zu entsprechen. Dieses Wort Gottes rief eine persönliche geistliche Neuordnung hervor. Diese Neuordnung verpflichtete Franziskus und Klara, ihre Gewohnheiten und ihre Muster zu überprüfen und verursachte eine Dynamik der Suche, die ihren Lebensstil im Heiligen Geist änderte.

„Wenn ich erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“ (Joh 12,32). Der am Kreuz erhöhte Jesus ist das Angebot des Heils für alle Menschen geworden. „Folgen wir Franziskus auf seinem Missionsweg, dann kommen wir bei den Stigmata von La Verna an; folgen wir Klara in ihrer Klausur, dann kommen wir auf der Liege des Schmerzes an und bei der Krankheit, die zur Zeit der Stigmata des Poverello begann und fast die Hälfte ihres Lebens andauerte“ / Br. Giacomo Bini, Klara von Assisi ein Lobgesang 13-14/. Eine überraschende Ergänzung der Charismen können wir feststellen: zwei in gleicher Weise missionarische Wege, des Pilgers und der Klausur, die in der Armut zum identischen Ziel führen, nämlich zum Kreuz. Jede missionarische Aktivität ist daher der Logik des Weizenkorns unterworfen, das sterben muss, um Frucht zu bringen.

Poverello und seine arme Schwester schätzten im Leben die Freundschaft hoch an, die auf dem Vertrauen der gegenseitigen Hilfe, dem Respekt, der Achtung der Würde und der Freiheit des Nächsten beruhte. Dies ist heute das Feld, auf dem die gegenseitige Hilfe unter den Brüdern und Schwestern eine Dynamik und einen Enthusiasmus für ihr Leben stiftet, um den Herrn zu suchen und ihn zu verkünden. Den Meister zu verkünden heißt, alles Mögliche zu tun, um die Menschen mit der Frohen Botschaft der Hoffnung und der Liebe zu erreichen.

Sr.Salomea Ewa Pabian OSC

Sie fasziniert immerfort neue Generationen

simone_martini_047Im 12. Jahrhundert spielte Klara zusammen mit Franziskus von Assisi eine Schlüsselrolle in der ursprünglichen franziskanischen Bewegung. Klara war sich immer ihrer evangelischen Berufung und ihrer Sendung in der Kirche gewahr. Die Ideale des armen Franziskus hat sie dabei in ihr Leben eingebunden und ist Mutter eines neuen Ordens geworden, dem sie den Anfang und die Richtung gab. Auf der ganzen Welt leben 17.000 Klarissen in 1.000 Klöstern.

Warum fasziniert diese Heilige immerfort neue Generationen?

Für die arme Schwester besteht ihre Berufung darin, „(…) das heilige Evangelium zu beobachten durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit“ (KlReg 1,2). Sie machte die frohe Botschaft zu ihrer einzigen Lebensregel. Die Kontemplativen sind Personen, deren Gotteserkenntnis ihr ganzes Leben prägt. Zu denen gehörte Klara. Sie lebte eingetaucht in Gott. Dieses Bewusstsein war der Filter, durch den sie dachte, handelte und betete. Das Wort Gottes eröffnete in ihrem Leben einen ganz neuen Raum für Hoffnung und Schönheit. Die Besinnungstexte zur Bibel halfen ihr neue Horizonte des Glaubens und der Freude zu finden.

Klara wollte selbst arm sein, weil sie spürte, so dem Geheimnis Christi näher zu kommen und etwas von der Liebe zu erfahren, mit der Gott uns geliebt hat. Sie ließ sich Jesus ergreifen und bewegen, und folgte ihm. Den Gehorsam gerechtfertigte sie nicht mit der sozialen Natur, zeigte aber ihren Mitschwestern die theologischen Grundlagen. In der Stille der Klausur, die sie als eine Gabe annahm und als eine freiwillige Antwort der Liebe aussuchte, veränderte sich Klara wie ein Korn, das reiche Früchte brachte. Das gemeinsame Leben und die tägliche Erkenntnis des Willen Gottes haben sie und ihre Schwestern, die der Herr ihr gab, in den 40 Jahren geistlich bereichert. Klara entdeckte auch den dienenden Charakter des Christentums. Die Macht der Äbtissin betrachtete sie als Dienst in der Gemeinschaft. Sie lehrte Achtung vor der menschlichen Arbeit, die sie als Ausdruck der Armut und als Faktor der Persönlichkeitsentwicklung ansah. Sie lehrte, wie man die Bedeutung der Stille entdeckt und die Einsamkeit erlebt, die jeder auf den einzelnen Etappen seines Lebens erfährt, vor allem im Greisenalter.

Sie schätzte im Leben die Freundschaft hoch an und schrieb darüber in ihren Schriften. Ihre Beziehung zu Franziskus war ein Beispiel einer Freundschaft in deren Wurzel die Einheit der Ideale und der Lebensweise liegt. Diese Freundschaft entstand nicht aus einer blinden Begeisterung, sondern war das Ergebnis einer tiefen Bewunderung für die Opferfreudigkeit, die nie vor den Aufforderungen des Evangeliums zurückweicht. Sie beruhte auf dem Vertrauen der gegenseitigen Hilfe, dem Respekt und der Achtung der Würde und der Freiheit des Nächsten. Sie verwendete in ihren Briefen an Agnes von Prag das Bild des Spiegels mehrmals. In Klaras geistlichem Leben wird der Blick in den Spiegel immer mehr zu einer Orientierung an Jesus und seiner Lebensgeschichte und zu einer Provokation für ihr Leben. Sie lädt uns ein, nicht nur selbst ein Spiegel zu sein, sondern uns immer mehr im Spiegel Jesu Christi zu spiegeln und uns umformen zu lassen, um so diesem Meister immer gleichförmiger zu werden. Das einfache Leben nach dem Evangelium wird so zu einer Quelle der inneren Kraft, das uns ermutigt und ermuntert für den Dienst im konkreten Alltag, weil „(…) in diesem Spiegel erstrahlen die selige Armut, die heilige Demut und die unaussprechliche Liebe“ (4Agn 18).

Obwohl Jahrhunderte vergangen sind, verblasst der Glanz ihrer Heiligkeit nicht. Er entflammt und fasziniert immer wieder aufs Neue. Die offene Haltung, der Respekt vor jedem Menschen, die harmonische Verbindung des Gebets mit der Arbeit, die Sensibilität für menschliche Bedürfnisse und die Anpassung an die Möglichkeiten des Menschen in jeder Generation bewirken, dass sie uns heute noch besonders nahe steht.

Sr. Salomea Ewa Pabian OSC