Theologie der Dachböden

Viele Kinder sind fasziniert von Dachböden. Auch ich träume bis heute öfter davon, alte Dachböden auf Zeugnisse der Vergangenheit durchstöbern zu dürfen. Aber ein vollgestopfter Dachraum kann auch belasten und ein feuerpolizeiliches Problem bedeuten. Viel Staub, echte Schätze, Moder, Fäulnis, Müll und Krempel, auch wertvolle Erinnerungen oder Dokumente sind meistens bunt durchmischt.
Das bringt mich auf eine Erfahrung am Beginn des neuen Jahres: Ich hatte etwas Zeit und habe auf meinem PC endlich wieder einmal Dokumente, Dateien, Über- und Unterordner neu geordnet, vieles auch in den virtuellen Papierkorb verfrachtet … welche Erleichterung! Nicht nur am Computer, auch im Kopf ist neuer Speicherplatz frei geworden – es ist ein echtes Durchatmen. Wichtiges und bereits vermisste „Schätze“ sind wieder schnell zu finden, viel Unnötiges dagegen ist verschwunden.
Entrümpeln, Ordnen, Neuformatieren müssen wir von Zeit zu Zeit auch unsere Seele, damit sie nicht immer schwerer, träger und trauriger wird. Es ist ein Paradox, dass gerade eine Überfülle an vermischten Gedanken, Plänen, Reizen, Sorgen und Hoffnungen bei Menschen oft eine furchtbare innere Leere verursacht. Reduktion, vereinfachter Lebensstil und neuer Genuss durch Verzicht ist dann unbedingt angesagt. Doch nach welchen Kriterien soll bei diesem Neuordnen der Seele vorgegangen werden?
Folgende Frage an sich selber kann Unterscheidungen erleichtern: Wohin führen mich der betreffende Gedanke, Plan, Reiz, die Sorge oder die Hoffnung? Näher zu Jesus Christus, in dem Liebe, Freiheit und Leben in Fülle Person geworden sind? Oder näher in Richtung Gottferne, in Angst und Enge? Wer sich oft und wirklich ehrlich diese Frage stellt, bekommt einen Riecher für die richtige „Richtung“, auch in den ganz gewöhnlichen Entscheidungen des Alltags. Er lernt, innere Impulse die gut sind zu stärken, andere aber nach und nach „auszuhungern“. Das Leben bekommt mehr Richtung und wohltuende Ordnung. Für das trotzdem noch verbleibende innere Chaos bleibt zumindest die Entscheidung, sich mit diesem nicht einfach abzufinden. Wo wir zu schwach für richtige Entscheidungen und Handlungen sind, bleibt uns doch noch eine Freiheit – nämlich zum Gedanken: „Eigentlich möchte ich anders!“ Dieser Akt der Nicht-Zustimmung ist ein Ankerpunkt, von dem aus mit etwas Gnade und Geduld Fortschritt möglich ist.
Der Glaube an Christus schließt nichts wahrhaft Menschliche aus. Alles spricht auf irgendeine Weise von Gott und Mensch … sogar ein voll geräumter Dachboden. Es lohnt sich, das Evangelium des eigenen Alltags zu lesen.

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